Hochschulautonomie in Deutschland teilweise rückläufigDie staatlichen Anforderungen an die Universitäten, ihre Leistungsfähigkeit in Forschung und Lehre transparent nachzuweisen, sind in den zurückliegenden Jahren deutlich angestiegen. Vor allem im Bereich der Qualitätssicherung von Lehre und Studium hat die Regelungsdichte merklich zugenommen. Infolge dessen sind die Handlungsspielräume in diesem Bereich enger geworden: Im EU-Vergleich haben die deutschen Hochschulen in diesem Punkt einen Autonomieverlust zu verzeichnen. Gewachsen ist dagegen deren Finanzautonomie und auch die Organisationsautonomie befindet sich auf einem relativ hohen Niveau. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie mit Titel „Progress in higher education reform across Europe“. Unter Federführung des niederländischen Hochschulforschungsinstituts CHEPS hat ein internationales Forschungsteam, zu dem auch Dr. Sigrun Nickel und Prof. Dr. Frank Ziegele vom CHE gehörten, die Veränderung der Hochschulgovernance und –finanzierung in 33 europäischen Ländern verglichen. Die Studie, welche im Auftrag der EU-Kommission erstellt wurde, zeigt für die untersuchten Hochschulsysteme zwischen 1995 und 2008 folgende Autonomiegewinne und -verluste auf:
• Der stärkste Autonomiegewinn ist im Bereich Finanzierung zu verzeichnen. In 22 europäischen Ländern verfügen Universitäten inzwischen über Globalbudgets; in 21 Ländern können Hochschulen frei über die Verwendung ihrer Mittel entscheiden; in 16 Ländern können Hochschulen Rücklagen bilden und in 8 Staaten sind Universitäten berechtigt, Kredite aufzunehmen. Die Finanzautonomie der deutschen Universitäten ist zwischen 1995 und 2008 von einem niedrigen auf ein mittleres Niveau gestiegen. Insgesamt ist der wirtschaftliche Druck auf die europäischen Hochschulen immens gewachsen. Hier bildet auch Deutschland keine Ausnahme.
• Traditionell verfügen europäische Hochschulen über weitreichende Möglichkeiten, selbstständig über Strategie, Personaleinstellungen und Gestaltung der Studienprogramme zu entscheiden sowie Studierende auszuwählen. Deutschland allerdings rangiert hier gemeinsam mit Frankreich, Ungarn und Spanien auf einem niedrigen Niveau.
• Generell ist in den europäischen Hochschulsystemen eine deutliche Zunahme der Rechenschaftspflichten gegenüber Staat und Öffentlichkeit (Strategiepläne, Berichtswesen, Qualitätssicherung/Evaluation) zu verzeichnen. In etwa der Hälfte der 33 untersuchten Länder hat die Autonomie der Hochschulen in diesem Punkt abgenommen, darunter auch Deutschland.
• Überdurchschnittlich positiv hat sich die Eigenständigkeit deutscher Hochschulen bei der Gestaltung ihrer Organisationsstrukturen entwickelt. Entgegen dem gesamteuropäischen Trend konnte hier sowohl 1995 als auch 2008 ein relativ hoher Autonomiegrad festgestellt werden. Nur wenige andere europäische Hochschulsysteme befinden sich in einer vergleichbaren Situation. Typisch ist eine eher starke staatliche Regelungsdichte in Organisationsfragen. Die häufigste beobachtbare Organisationsreform war bislang die Einführung von Uni-Räten/Governing Boards.
Die Studie „Progress in higher education reform across Europe” besteht aus zwei Teilen: „Governance Reform“ und „Funding Reform“. Beide sind als Online-Publikationen auf der Website der EU-Kommission erschienen. |